Die Kunst des Lebens selbst

Hand aufs Herz: Wem von euch war bewusst, wie sehr unser Tag fremdbestimmt und fremdstrukturiert war? Wie sehr Besprechungen und Termine als Ausrede galten, selber nicht über deren Notwendigkeit und die eigenen Wünsche nachzudenken?

Für manche führt, wie bei der Corona-Virus-Krise, der abrupte Stopp aller üblichen Tätigkeiten zu einer Sinnkrise. Die ersten Tage versucht man noch krampfhaft, die alten Routinen und Tagesstruktur aufrechtzuerhalten, indem man Besprechungen nun per Videokonferenz abhält, doch schon nach wenigen Tagen merkt man, dass das nicht so funktioniert. Shopping gehen als Ablenkung, Kinder zur Schule bringen und abholen, der Kaffeehausbesuch und das Workout im Fitnesscenter zählten dazu, und man ersparte sich das Denken. Nicht mehr.

Egal ob man Sachbearbeiter oder die dynamische Start-Up-Gründerin ist, die eigene Routine hat man nie hinterfragt.  Und viele bemerken, wie verloren sie dabei sind. Wir erkennen, wie sehr uns eigentlich andere unsere Tagesstruktur vorschreiben. Wir haben das nur nie bemerkt. Vom Kindergarten an über die Schule bis hin zur Uni oder beim Militärdienst, bis hinüber zu Arbeitszeiten als Angestellter und auch als Geschäftsführer liegt die Hoheit über den eigenen Kalender bei anderen.

Jetzt wo uns gezwungenermaßen keiner zu einer festen Struktur zwingt, kämpfen wir damit, uns den Tag einzuteilen. Wir kommen morgens nicht aus dem Bett, unser Kleidungsstil und Körperpflege lassen mehr und mehr zu wünschen übrig, wir verkommen auf der Couch beim Konsumieren von Netflix-Shows, auf sozialen Medien und suchen krampfhaft nach jeder Ablenkung, die uns einfällt, ohne dass wir sie dann wirklich verfolgen. Die ersten Tage fühlen sich das wie ein tiefer Abgrund an, wie Haltlosigkeit, als ob wir die Aussicht auf Beschäftigung mit uns selbst als Bedrohung empfinden.

Als ich mich 2013 selbständig machte, stand ich vor genau derselben Herausforderung. Wie organisiere ich meinen Tag, damit ich produktiv bleibe und doch nicht im Stress ertrinke? Es brauchte einige Zeit, bis ich meine eigene Routine fand und weniger Schuldgefühle hatte, wenn ich einen Tag mal meine Routine nicht einhalten konnte oder mich produktiv fühlte. Heute habe ich mehr oder weniger meine eigene Routine und meine Art mich zu motivieren gefunden, Bücher und Artikel zu schreiben., Vorträge zu erstellen und Delegationsreisen zu planen, und das oft im Kaffeehaus. Der Lockdown hat für mich insofern nicht die große Umstellung gebracht, wie für so manchen.

Im Café Central in Wien.

Die Ungewissheit, was die ungewohnte Situation bringt, führt zu erhöhten Unsicherheitsgefühl und Depressionen, Schlafproblemen und intensiveren Träumen. Routinen und Strukturen bieten Halt. Allerdings scheinen wir gerade das in keiner Phase unseres Lebens wirklich zu lernen, außer, eine Krise wie diese, zwingt uns dazu.

Um Lebenskunst zu lernen werden wir verstärkt Berufe konsultieren, die uns dabei helfen können. Zu den derzeitigen Berufen dieser Art gehören Psychotherapeuten, Executive Coaches, Tutoren, Berater, Begleiter und solche, die Kinder und ältere Menschen betreuen. Der Begriff „Pflegeberufe“ wird in diesem Zusammenhang oft verwendet, ist aber irreführend: Er hat für die „Pflegebedürftigen“ eine positive Konnotation von Abhängigkeit und Hilflosigkeit. Der Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes schrieb schon darüber:

Es werden diejenigen Menschen sein, die die Kunst des Lebens selbst am Leben erhalten und zu einer volleren Vollkommenheit kultivieren können und sich nicht für die Mittel des Lebens verkaufen, die den Überfluss genießen können, wenn er kommt.

John Maynard Keynes

Wir alle werden die „Kunst des Lebens selbst“ lernen müssen, und das ist keine Frage von Abhängigkeit, sondern von persönlichem Wachstum.

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