Zur Schokoladenmama in der zweiten Karriere

In der Schweiz könnte ich nicht leben, und das hat nichts mit der wunderbaren Landschaft oder den netten Menschen zu tun. Der Grund liegt in etwas viel Banalerem: Schokolade. Das Land hat die Kunst der Schokolade auf ein Niveau gebracht, das es mir schwer machen würde, mich in Disziplin zu üben. Ich würde einfach viel zu viel von dem süßen Zeugs in mich hineinfuttern und wohl glücklich, aber doch zu früh das Zeitliche segnen.

Schokoladenmousse

Während ich – vergeblich – versuche von Schokolade Abstand zu halten, hat die Französin Catherine Bréard genau das Gegenteil gemacht. Sie stürzte sich voll in das Schokoladebusiness. Als junge Ehefrau und Mutter bereitete sie mit einer Leidenschaft, die sie von ihrer eigenen Mama und Omama geerbt hatte, für ihren Sohn Alix Schokoladenmousse zu wann immer sie konnte. Er nannte sie dafür seine ‚Schokoladenmama‘. Doch wie so oft kommt das Leben dazwischen und ihr Beruf am Arbeitsamt ließ ihr keine Zeit für Frivolitäten wie Schokoladenmousse. Bis ihr Sohn, mittlerweile erwachsen und aus beruflichen Gründen nach Japan gezogen, seine Mama um folgendes bat: „Versprich mir, dass du eines Tages deine Leidenschaft ausleben wirst.“

Das gab der kleinen, quirligen Catherine, durch deren dicke Brillen lebenslustige Augen strahlen, zu denken. Sie entschied sich spontan, teilte ihrer Chefin mit, dass sie, die nicht mehr lange vor dem Ruhestand war, sich beruflich verändern möchte, kündigte und bewarb sich mit 58 zu einem Lehrgang an der berühmten Ecole Cordon-Bleu in Paris. Sie wurde zugelassen und schrieb sich sogleich in den Konditoreilehrgang ein. Um sieben Uhr früh war sie die erste im Kochstudio und um 21 Uhr die letzte, wenn sie es verließ. Sie hatte den Spaß ihres Lebens, es fühlte sich nicht wie Arbeit an. Zwei Jahre später und mit einem Abschlussdiplom in den Händen meldete sie sich in Paris zu einem Schokoladenmousse-Wettbewerb – ja, kein Scherz, solch einen Wettbewerb gibt es, und warum haben nur die Franzosen solch tollen Wettbewerbe? – und sie belegte unter 50 Kandidaten den ersten Platz. In der Schokoladenmousse-Jury befanden sich die großen Pariser Konditoren Guillaume Gomez vom Palais de l’Elysée und Gilles Marchal, vormals Chefkonditor im Bristol und im Maison du Chocolat.

Japan

Mit 61 Jahren, wo andere schon auf den Sprung in die Rente sind, sollte für Catherine aber erst die zweite Karriere beginnen. Ihr Alix – wie man es vom Sohn der Schokoladenmama erwarten darf – hatte eine Studie zu Schokoladenmousse in Japan gemacht und war zum Schluss gekommen, dass die Japaner nichts mehr als Schokoladenmousse brauchen. Er bekniete seine Mutter und seinen Vater in Frankreich alles aufzugeben, und nach Tokio zu ziehen. Und die beiden taten das auch. Sie verkauften in Paris all ihre Habe, steckten alle ihre Ersparnisse in dieses Abenteuer, und mit Sack und Pack, vor allem aber mit den Töpfen und Küchenutensilien für bestes Mousse, zogen die beiden zu ihrem Sohn nach Tokio und stürzten sich in das Unbekannte. Hatten die Japaner überhaupt Gusto auf Schokoladenmousse?

Diese Frage wurde rasch mit Ja beantwortet. Zuerst testete Catherine ihr Rezept auf den Geschmack der Japaner ab, die etwas weniger Zucker im Mousse bevorzugten. 2018 mietete sich in einem eleganten Lebensmittelkaufhaus einen kleinen Stand. Die Kaufhausbetreiber schätzten, dass sie pro Tag vermutlich um die 50 kleine Becher mit Schokoladenmousse verkaufen würde. Zur Sicherheit bereitete die Schokoladenmama aber 100 Becher vor. Nach nur drei Stunden waren alle verkauft. Das ging eine Woche lang so. Nach wenigen Wochen lag ihr Absatz bei 300 bis 400 Bechern pro Tag und sie kam mit der Schokoladenmoussefertigung kaum nach. Andere Delikatessenläden und Luxushotels zeigten Interesse an der süßen Ware.

Dieser Erfolg und die ungewöhnliche Geschichte haben Fernsehsender und Presse aus Japan und Frankreich angezogen, die alle ‚Maman au chocolat‘ interviewen wollten. Sie selbst arbeitet mit ihrem Ehemann Philippe an der Eröffnung einer eigenen Schokoladenmoussefilialkette und einer Erweiterung ihres Angebots. Sechzig ist das neue Dreißig.

Vielleicht sollte ich doch nicht so streng mit mir sein und der Schokolade abwehrend gegenüber stehen. Zumindest die letzten Tage habe ich eine unerwartete Marillenernte dazu genutzt, diese in Marillenkuchen zu verbacken. Wer weiß, vielleicht wir mir das Bloggen und Buchschreiben irgendwann zu langweilig, und ich werde auch noch einmal Zuckerbäcker.

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