Ich musste ziemlich verwirrt dreingeschaut haben, also ich so vor dem Regal mit all den Fado CDs stand, denn wie aus dem Nichts war er aufgetauchte und mit geheimniskrämerischer Mine deutete er auf die CD einer Sängerin: Mafalda Arnauth.
Es war das der April 2001, und ich war in Lissabon in Portugal zu einer Konferenz des Unternehmens, für das ich damals arbeitete. Auf dem Flug hate ich im Baedeker – den las man damals noch in gedruckter Form – geblättert und war dabei auf eine musikalische Gattung gestolpert, die mich seit damals faszinieren sollte. Es handelt sich um den Fado, eine musikalische Gattung aus Lissabon und Porto, die recht melancholisch wirkt und es auch ist. und nicht zu Unrecht „Schicksal“ bedeutet. Ich hatte mir jedenfalls vorgenommen, mich näher damit zu beschäftigen.
Nun stand ich im heute nicht mehr existenten Virgin Megastore im Herzen von Lissabon, und war überwältigt von der Auswahl an Fado Musik.Ja, da war Amélia Rodrigues, die Grand Dame des portugiesischen Fado, doch es gab noch viel mehr. Und was sollte ich wählen, aus der Unzahl an CDs vor mir?
Das war der Augenblick, in dem der Unbekannte für wenige Sekunden in mein Leben auftauchte und es durch sein einfaches Fingerzeigen auf diese CD ändern sollte. In diesem Jahr sollte ich mich von meiner langjährigen Freundin trennen und nach Kalifornien ziehen, doch das wusste ich in diesem Moment noch nicht.
„esta voz que me atravessa“ („diese Stimme, die mich durchdringt“) hieß die CD einer jungen Sängerin, die erst vor zwei Jahren ihren Durchbruch in Portugal erlebt hatte, und dies war ihre zweite CD.
Auf diese CD hatte der Unbekannte gedeutet, ohne Worte, denn portugiesisch hätte ich ohnehin nicht verstanden. Sein Drängen überzeugte und ich nahm die CD in die Hand und ließ mich auf diese mir nicht bekannte Sängerin und die mir unbekannten Musikrichtung ein.
Es erwies sich als eine Offenbarung. Schon das erste, der CD den Namen gebende Lied war geprägt von der träumerischen Stimme der Sängerin. Begleitet nur von einer Gitarre singt sie von einer zerbrochener Liebe, die tief ins Herz sticht.
Besonders das dritte Lied auf der CD, „De Não Saber Ser Loucura“ („Wenn man nicht weiß, wie man verrückt sein soll“) ist nach wie vor mein absolutes Lieblingslied. Es handelt vom Wunsch nach Tod, aber verlangt eigentlich nach dem Leben und das Rätsel dessen zu lösen. Auch hier baut die Gitarrenbegleitung die Spannung für Mafaldas Gesang auf. Ihre sehnsuchtsvolle Stimme durchdringt das Herz und hinterlässt Schauer auf dem Rücken.
Über die Jahre habe ich viele CDs mit weiteren legendären Fado-Sängerinnen erworben, wie jene der schon erwähnten Amélia Rodrigues, oder die der leider gerade erst verstorbenen Mísia oder die von Cristina Banco. Doch Mafalda Arnauth und dieses spezifische Album bleiben mein Favorit in melancholischen Stunden. Und zu verdanken habe ich das einem Unbekannten in Lissabon, der in den wenigen Sekunden, in denen sich unser Weg gekreuzt hat, mein Leben verändert hat.
Amalia Rodrigues. Rua do silencio.