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Der Iced-Coffee-Tipping-Point

Jahrhundertelang tranken Menschen Bier und Wein, oft mit Wasser verdünnt, zu jeder Mahlzeit. Egal ob Gross oder Klein, verdünnter Alkohol war das sicherste Getränk in einer Zeit, als die Menschen noch nichts zu Bakterien wussten und ihr Trinkwasser oft aus denselben Wasserquellen tranken, neben denen sie defäkierten.

Bis 1956 erhielten französische Volksschüler sogar mit Wasser verdünnten Wein, erst 1981 wurde Alkohol aus den Schulkantinen verbannt. Mit anderen Worten: bis noch vor wenigen Jahrzehnten war ein Großteil der Bevölkerung mehr oder weniger betrunken.

Das änderte sich mit dem Import von neuartigen Getränken aus anderen Ländern und Kolonien. Tee und Kaffee, aber auch Kakao wurden populär und sind für viele heute unverzichtbarer Bestandteil der täglichen Routine. Da diese alle heiß genossen werden, wurden als Nebeneffekt auch die Bakterien beim Kochen des Wassers abgetötet. Inhaltsstoffe wie Koffein hatten keinen berauschenden, als vielmehr einen anregenden Effekt. Wie wir wissen, weckt Koffein uns auf und Historiker schieben einen zumindest kleinen Teil des Erfolgs der industriellen Revolution der damals zeitgleich steigenden Popularität von Kaffee und Tee in die Schuhe.

Mit anderen Worten: eine heiße Tasse Tee oder Schokolade, und ein guter Kaffee waren und sind die Ingredienzen einer erfolgreichen Industrienation. Wichtig ist dabei das Wort „heiß“, denn kalter Kaffee, das lehrten uns damals schon die Altvorderen, mache nur schön, aber nicht leistungsfähig. Kalten Kaffee trank man beispielsweise nur als Affogato, also einem Espresso mit einer Kugel Vanilleeis. Während Eistee eher ein Nischendasein führte, gewann Iced Coffee zwar an Beliebtheit speziell unter jungen Frauen, aber Kaffee blieb Kaffee, und der wurde heiß serviert.

Doch irgendwas muss in den letzten Jahren schiefgegangen sein, und ich vermute der Ursprung liegt bei der Pandemie. Als von 202 bis 2021 die Menschen durch COVID19 bedingt die Zeit vorwiegend in den eigenen vier Wänden und nicht am Arbeitsplatz oder in der Schule verbringen mussten, war die Notwendigkeit nach einen anregenden Getränk erloschen. Und die Menschen experimentierten. Sie buken nicht nur Brot und versuchten sich an Rezepten, sie ließen ihre Papillen auch an neue Getränkevarianten ran.

Mit dem Endergebnis, dass mir seit einigen Monaten in den von mir frequentierten Cafés und Restaurants bei der Bestellung eines Espressos oder Macchiatos die Frage gestellt wird, ob ich den kalt oder heiß möchte. Manchmal wird sogar gar nicht nachgefragt, sondern einfach angenommen, dass er kalt sein soll. Das Titelbild ist das Ergebnis dieses geänderten Standards. Was in dem französischen Café ein Macchiato hätte werden sollen, wurde mir mit Eiswürfeln serviert.

Was mich als Kaffeeliebhaber maßlos entrüstet, finde ich als Trendforscher interessant. Vor meinen Augen in nur wenigen Monaten wurde ein Tipping Point erreicht, der Kaffee nicht mehr standardmäßig als Heiß-, sondern als Kaltgetränk betrachtet. Und die junge Generation findet das völlig normal. So ist eine jahrhundertelange Tradition von Kaffee als Heißgetränk in nur wenigen Monaten gekippt.

Meine zehn Cent dazu: ich brauche keinen Eiskaffee, denn alles was ich noch schöner wär‘, wäre Kitsch! Man serviere den Kaffee, aber heiß, bitt’schön!

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